Internationaler Thriller

Nachfolgendes Manuskript wird derzeit für die Veröffentlichung als eBook vorbereitet

Das Ende der globalisierten Welt.

Suprakonzerne entwickeln das wow (world orbit web) zu einer globalen Vernetzung. Quantenrechner ermöglichen es, dass die weltweite Kommunikation und Steuerung aller menschheitsrelevanten Bereiche astronomische Ausmaße annimmt.

Doch der Kampf um die Mächte zwischen zwei rivalisierenden Weltunternehmen, geleitet von Lewis Contrain und Miolan Conroy, eskaliert, als Contrain Cyberterroristen engagiert, um die Conroy AG zu sabotieren.

Der Zusammenbruch des Internets und aller peripheren Netzwerke bedeutet gleichfalls den Zusammenbruch der Globalisierung, die Menschheit hat sich zu sehr von der Technik abhängig gemacht und steht vor dem Abgrund - die Systeme brechen zusammen.

 

Leseprobe

 

Kammerflimmern: Lebensbedrohliche, pulslose Herzrhythmusstörung, bei der in den
Herzkammern ungeordnete Erregungen ablaufen und der Herzmuskel sich nicht mehr geordnet
kontrahiert. Unbehandelt führt das Kammerflimmern wegen der fehlenden Pumpleistung des
Herzens unmittelbar zum Tode. Im EKG sieht man Flimmerwellen mit einer Frequenz von etwa
300-800 pro Minute. Kammerflimmern kann als Komplikation eines Herzinfarktes auftreten.

Der Infarkt der Mächte erlaubt es nicht, ein Kammerflimmern messbar in Frequenzen pro
Minute umzurechnen. Wenn die Pumpe der Mächte den Pulsschlag der Menschheit überreizt, wird
das Flimmern gewaltiger sein und nur noch eine einzige Komplikation kennen: Die Endgültig-                         
keit einer Konsequenz, die den vermeintlichen Blutstrom der Welt zum Stillstand führt. 

Ich vermag nicht zu sagen, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg geführt wird. Aber ich lege mich fest, welche Waffen den vierten Weltkrieg bestreiten werden: Hammer und Keulen!

Zitat frei nach Albert Einstein

 

 

Im vergangenen Jahrtausend hat sich Technik innerhalb eines Jahrhunderts verdoppelt. Heute gehen wir davon aus, dass sich die Technik alle acht, wenn nicht sogar alle sechs Jahre verdoppelt. Eine Zeitspanne, die permanent nach unten geht. Dieses Buch entstand auf einem PC.

Ich vermag nicht zu sagen, welches Medium in naher Zukunft dazu dient, Geschichten zu erzählen. Aber ich lege mich fest, welche Technik uns in der Überzukunft zur Verfügung steht, um einen Roman zu schreiben: Papier und Feder, wenn wir Glück haben. Aber vielleicht ist es auch eine Felswand und ein Steinwerkzeug, mit dem Menschen ihre Geschichte künftiger Gegenwarten einmeißeln.
Zitat Nicolas Cenway

 

Prolog

22. November

Der schwarze Mercedes 220 Diesel bildet das Schlusslicht des langen Autokorsos. Je näher der alte Daimler mit seinem schnarrendem Motor auf das Bundeskanzleramt zugleitet, desto mulmiger wird es dem Mann, der auf dem Beifahrersitz in die Finsternis starrt: Miolan Conroy, von dem  die „In“-Gesellschaft behauptet, er sei der reichste Mann der Welt. Die stickige Luft im Fahrzeug zwingt den an Klimaanlagen gewöhnten Multimilliardär das Seitenfenster eine Handbreit herunter zu kurbeln. Das Geschnatter altgedienter Motoren – die Schlange der Rostlauben ist zum Stehen gekommen - dringt von außen herein, zerreißt die ansonsten gespenstische Stille der hereinbrechenden Nacht. Eine Nacht, die an den Jahrestag der Ermordung Präsident Kennedys erinnert. Irrational, diese zu Schnauferln mutierten Oldtimer, die in einer langen Kolonne Richtung Reichstag und Kanzleramt mit ihren Scheinwerfern eine gelblich bizarre Lichthexe durch die von Nebel und Dunkelheit vermischte Suppe flirren lassen, so unheimlich wie die seltsamen Ereignisse, die dieser Nacht überall auf der Welt voraus gegangen waren ...

Hamburg

In Blankenese versuchte der Reeder Sven Solthaus, seine Villa zu betreten. Weder Fluchen noch Schimpfen halfen. Seine Flüche nutzten nichts - die Haustür ließ sich nicht mehr öffnen. So wie er standen Millionen Menschen vor verschlossenen Türen. Wohnungen, Büros, Behörden – kein geschlossener Raum konnte mehr geöffnet werden.

Rügen

Olaf und Paula Solthaus verzweifelten an einem anderen Problem in ihrem vor Monaten neu erbauten Altersruhesitz. Frierend suchten sie Schutz in ihrem Strandhaus. Die Heizung funktionierte nicht, Telefonieren war unmöglich geworden. Paula wollte Nachrichten ansehen, aber es gab keine Meldungen, keinen Film, keine Fernsehsendung. Olaf entschloss sich, Hilfe mit dem Wagen zu holen. Er verließ das Haus, wollte sein Auto starten, Hilfe holen. Das Fahrzeug ließ sich nicht öffnen, Wegfahren war unmöglich.

 

 

Erlangen

Das Fabrikgelände der Kurzer AG blieb geschlossen. Über tausend Mitarbeiter hatten keinen Zugang mehr zu den Produktionshallen – alle Maschinen standen still. Niemand wusste, ob, wie und wann es weiter gehen würde.

A9 Nürnberg – München

Die Autobahn war wie leer gefegt. Selten sah man eine betagte Karosse die freie Strecke passieren. Wie es möglich war, dass dennoch ein Geisterfahrer in ein entgegenkommendes Fahrzeug raste, blieb ein Rätsel. Ein alter Opel Astra hielt an, der Fahrer sah, dass es mindestens zwei Schwerst-verletzte gab und stoppte auf der Gegenfahrbahn eine ältere Dame in einem Audi 100, Baujahr 1990. Der Opelfahrer bat sie, Hilfe zu holen.

Der Polizist in Garching fertigte die Audifahrerin achselzuckend ab: „Wir können keinen Rettungswagen schicken. Die fahren nicht mehr, denn alle Funktionen, die der medizinischen Versorgung dienen, sind nicht mehr einsatz-fähig.“ Somit starben zwei Menschen auf der A9. Eine Nachricht darüber gab es nirgends.

New York

Im obersten Stockwerk des Win Towers herrschte die gleiche Totenstille wie in allen übrigen Etagen. Allerdings saß hier – einsam und verlassen – ein Mann, der um Jahre gealtert schien. Sein Kartoffelgesicht wirkte ausdruckslos. Der dicke Hals zeigte Falten, wie Risse in getrocknetem Lehm. Niemand war Zeuge, als der Kartoffelmann einen Revolver aus der Schublade fingerte und mit verhärmter Miene das geladene Magazin einrasten ließ. Er wartete auf den Mann, für den die todbringende Munition bestimmt war.

Berlin

Die Schlange der schweren und dunklen Limousinen – gealterte Nobelkarossen aus vergangener Zeit – erreicht endlich das Bundeskanzleramt. Jedes Fahrzeug wird von Spezialeinheiten auf Herz und Nieren überprüft. Das gilt auch für die Riege der Diplomaten bis hin zu Giacomo Scevallo, dem italienischen Ministerpräsidenten und EU Ratsvorsitzenden. „Keine Ausnahme“, heißt es an der Pforte. Auch nicht für ihn. Der klapprige Mercedes 220 Diesel mit dem Multimilliardär an Bord passiert als Letzter die Kontrolle.

Erst spät in der Nacht nimmt die Bundeskanzlerin auf ihrem präsidialen Sessel Platz und eröffnet die Krisensitzung nach den üblichen Begrüßungsfloskeln, in der viele Honoratioren namentlich bebauchklatscht werden müssen.

„Ich danke Ihnen, dass Sie alle den beschwerlichen Weg nach Berlin in Kauf genommen haben.“ Die Beklatschten nicken ihr nach Wichtigkeitsgrad heischend zu. „Sie wissen, meine Damen und Herren, um was es geht und deshalb möchte ich auf lange Einführungsreden verzichten. Ich schlage vor, Sie geben mir zunächst der Reihe nach Ihren Statusbericht.“

Die Kanzlerin, staatsweibisch und bekannt dafür unverblümt zur Sache zu kommen, hasst langes Herum- und Drumherum-gerede. Ihrem angespannten Gesicht ist anzumerken, dass sie in dieser Nacht viele langatmige Debatten auf eine nervenaufreibende Geduldsprobe stellen werden. All die Spezialisten um sie herum fühlen sich legitimiert das auszusprechen, was die Kanzlerin zu dieser Stunde nur erahnen kann: Ohnmacht!

Der erste Redner, der von Lemerk aufgefordert wird seine Ohnmacht einzugestehen, heißt Hermann Preisler, ein unter-setzter Mann mit rötlichen Haaren, Chef des BKK, des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. „Wir haben zunächst das Problem permanenter Stromausfälle zu lösen. Abgesehen von den MEDIAS Vernetzungen betrifft das auch die Systeme, die teilweise autark arbeiten könnten. Nach einem Tag Stromausfall fallen große Teile des  Gesundheitswesens aus – Krankenhäuser und Rettungsdienste sind betroffen. Nach fünf Tagen bricht die Wasserversorgung zusammen. Nach einer Woche wird es keinen konventionellen Mobilfunk mehr geben, Schaltzentralen und Rechenzentren brechen zusammen. Nach drei Wochen endet die Treib-stoffversorgung.“ Preislers Stimme klingt nüchtern, als verkünde er ein einfaches Suppenrezept. Nur der Inhalt seiner Worte verdichtet sich zu einer explosiven Mischung aus Warnung und Angst, letztere verzerrt sein Gesicht. „Dieses Szenario beschrieben wir bereits vor Jahren in einer Untersuchung – jetzt haben wir die Bestätigung, wie richtig wir lagen. Das zweite Problem halte ich für bedeutender. Bereits im Jahr 2010 stellte das FBI klar, dass sich etwa hundertvierzig Staaten im Cyberkrieg befänden. Trotzdem hat alles, was wir, die NATO, die Regierungen als Schutzschild aufgebaut haben, versagt. Allein die Amerikaner  bespitzel-ten zwei Milliarden Telefonate und Mails sowie drei Millionen Finanztransfers rund um den Globus, und zwar jeden Tag! Dennoch erkannte niemand, welches Fallbeil diese globalisierte Welt zerschlagen könnte. Der permanente Stromausfall ist dabei nur eines der Elementarprobleme mit systemrelevanten Folgen.“ Da geistert er wieder, dieser Begriff: Systemrelevant. Ein Geist, der jetzt aus den Augen des Redners sprüht. „Wir sehen die Gefahr, dass durch die Zerstörung der Steuerungschips in versorgungsrelevanten Komponenten eine Notversorgung im geplanten Umfang unmöglich wird. Alle Notfallpläne, die wir erarbeitet haben, basieren darauf, dass eine funktionierende Kommunikation verfügbar bleibt. Das aber, verehrte Frau Bundeskanzlerin, meine Damen und Herren, ist nicht der Fall. Der Schutz der Bevölkerung und die Katastrophenhilfe sind derzeit ebenso außer Kraft gesetzt wie all die Steuerungsmechanismen, auf die wir nicht mehr zurückgreifen können.“ Preislers Stimme senkt sich zu einem Flüstern: „Wir haben alle versagt und niemand wollte sich aus jener Abhängigkeit lösen, der die Menschen blind vertrauten. Jetzt erleben wir eine Katastrophe, aber wir verfügen über keinerlei Maßnahmen, um die Bevölkerung vor dem zu bewahren, was uns allen bevor steht.“ Preisler atmet tief durch und plumpst frustriert auf seinen Ledersessel zurück. Der Blick der Angst verschwindet. Der Blick des Schreckens bleibt.

BDI Präsident Roland Achhammer gönnt dem Auditorium keine Pause. Er redet wie gewohnt um den heißen Brei herum, schweift aus, bevor er die Fakten nennt: „Nach vorläufigen Erkenntnissen werden unzählige Aktiengesellschaften in die Insolvenz gehen. Die Produktion bei nahezu neunzig Prozent aller Betriebe steht still. Diese Situation betrifft den gesamten EU-Raum sowie die USA und die übrigen Wirtschaftsräume unserer Welt. Die Großindustrie liegt am Boden, mittlere und kleinere Betriebe stehen vor dem Ruin. Versorger, Produzenten, Dienstleister, Handel, Banken, Medien – das alles steht vor dem Aus.“

„Oder vor einem Neuanfang“, murmelt ein Teilnehmer aus der Runde, der nicht sofort lokalisiert werden kann.

Der Verkehrsminister, Adolf Hermer, wartet, da er nicht sicher sein kann, ob sein Vorredner noch etwas zu sagen hat. Die Kanzlerin nickt ihm zu. Hermer tippt kurz an sein Tischmikrofon, seine Stimme nimmt den Klang eines rostigen Sägeblattes an. „Der Verkehr in Europa steht nahezu still. Nichts geht mehr. Besser gesagt: Fast nichts. Der Flugverkehr liegt lahm, die Bahn kann nur einen Notbetrieb aufrechterhalten, Autos der MEDIAS Generation fahren nicht mehr. Der internationale Schiffsverkehr ruht – der Hamburger Hafen sowie Rotterdam und all die anderen sind derzeit geschlossen. Mehr kann ich momentan nicht berichten.“

Dr. Wehmeier, Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt, knüpft an die Rede seines Vorgängers an. „Die Versorgung mit Lebensmitteln ist zusammengebrochen, Logistikketten funktionieren nicht mehr. Wie auch? Eine Notversorgung der Bevölkerung ist nicht sichergestellt, die Fachgremien arbeiten aber fieberhaft daran. Allerdings stehen wir vor der unlösbaren Aufgabe, dies länderüber-greifend zu kommunizieren. Die Kommunikation war es schließlich, die das, was wir Globalisierung nennen, erst ermöglicht hat. Nach dem Zusammenbruch dieser Globalisierung kommt jetzt hoffentlich der globale Zusammenhalt. Die Frage ist nur: ‚Wie?’“. Der Minister zieht verächtlich die Mundwinkel nach unten, denkt offensichtlich an all die Mahnungen, die der Koalitionsvertrag ignoriert hat. Zum Zweck einer gesicherten Wiederwahl der Koalitionäre – nicht zum Wohle des Volkes.

Finanzminister Stermann gibt einen Überblick über das Steuersystem, das seit dem Supergau vollkommen zum Erliegen gekommen war. Seine Ausführungen zu vergangenen Finanzkrisen interessieren dabei wenig. Mit einem bedeutsamen Blick auf die Kanzlerin fährt er fort: „Die Frage, wie wir jetzt diese – ich nenn sie mal - Anschlusskrise schultern sollen, kann im Moment niemand beantworten. Das Szenario, das wir heute zu meistern versuchen, ist kein Vertrauensschwund, es ist das Aus aller Vertrautheiten und das Ende allen Vertrauens, egal, welche Doktrin wir apostrophieren: Kommunismus, Kapitalismus, Feudalismus, Gigantismus, Egoismus, Globalis-mus: Ende! Stellen Sie sich, Frau Bundeskanzlerin, nach dieser Runde die Frage, ob Sie einen deutschen Finanzminister überhaupt noch brauchen werden, denn wenn wir jetzt anfangen, die letzten Steuergelder zu verteilen, wird es nur eines Wimpernschlages bedürfen und wir haben keine Finanzmittel mehr, auf die wir zurückgreifen können. Das aber betrifft nicht nur uns, es wird die Welt um uns herum gleichermaßen treffen. Darüber sollten Sie die Öffentlich-keit schnellstens, schonungslos offen und ehrlich infor-mieren. Die Frage ist nur, woher sie das Medium nehmen wollen, über das sie Informationen transportieren könnten? Ich empfehle schon mal, über berittene Boten nachzudenken.“ Vor seinem letzten Satz gönnt sich Stermann ein spöttisches Grinsen. Seine Knollennase zeigt in Richtung der Kanzlerin: „Aber bitte, subventionieren sie nicht gleich jeden Pferdezüchter.“ Niemand lacht – zumindest nicht offen.

Der Minister für mediale Netzwerke gestattet sich einen knurrigen Zwischenruf. „Die Öffentlichkeit informieren, Herr Stermann, Frau Bundeskanzlerin, das dürfte nicht möglich sein. Alle Privatsender haben ihren Betrieb eingestellt – TV und Radiostationen sind dicht.“

Der Vizekanzler Roland Müting erlaubt sich eine weitere Zwischenbemerkung. „Ja, als vor einigen Jahren ARD und ZDF ihren Betrieb eingestellt haben, wollte niemand meine Warnungen hören. Öffentlich Rechtliche seien nicht zu privatisieren und damit auch nicht zu globalisieren, hat es geheißen. Meine Damen und Herren, Sie wissen, dass Radio, Fernsehen und die meisten Tageszeitungen jetzt nicht mehr existieren. Aus der Welt unserer Informationsflut ist eine Informationsarmut geworden.“

Fünf Stunden später, weit nach Mitternacht, haben alle Teilnehmer der nächtlichen Sitzung die Lage aus ihrer Sicht beschrieben und Angelika Lemerk erhebt sich. „Meine Damen und Herren, vor Jahren haben wir die Finanz- und die Schuldenkrise Europas gemeistert, jetzt werden wir gemeinsam auch diese Herausforderung annehmen und bestehen.“

Der Optimismus, den sie ausstrahlt, scheint jedoch von den Machtinhabern der Verbände und Ministerien und all den anwesenden Spezialisten nicht geteilt zu werden. Vizekanzler Müting springt auf und der Zorn rötet sein faltiges, fahles Gesicht. Er wagt es, das auszusprechen, was alle insgeheim denken. „Mit Verlaub, Frau Bundeskanzlerin, Sie ignorieren Ihren eigenen Finanzminister. Sie ignorieren, dass der Zusammenbruch von MEDIAS das Ende unseres Wohlstandes einläutet. In der Zukunft werden diejenigen reich sein, die am wenigsten brauchen. Naturvölker zum Beispiel. Die Finanzkrise“, schnaubt er verächtlich, „das war ein Kammerflimmern. Heute sprechen wir von einem Infarkt, von einem ausgemachten Herzinfarkt. Und bei so einem Infarkt geht es darum, schnell zu reagieren. Das, was wir heute tun, ist schon viel zu spät. Ist Ihnen und allen hier Anwesenden bewusst, dass dieser Infarkt einen Tod nach sich ziehen wird? Nicht zwangsläufig den Tod von Menschen, nicht den Tod dieser Welt. Aber es ist der Infarkt der Macher dieser Welt, es ist ein Infarkt der systemrelevanten Mächte, die alle Blutbahnen unserer Systeme gespeist und versorgt haben und dieser ...“ – Mütings listige Augen bespitzeln scheinbar jeden Einzelnen der Runde und geschickt demonstriert er zum letzten Mal seine eigene Macht gegenüber den Mächtigen – „dieser Machtinfarkt wird die Welt verändern.“

Weit entfernt, der Kanzlerin gegenübersitzend, am entgegen-gesetzten Ende des Konferenztisches, sitzt der Mann, der seine aufrechte und gefasste Haltung – zumindest äußerlich - die gesamte Zeit über bewahrt, aber noch keinen einzigen Ton von sich gegeben hatte. Der Mann, der einem alten Mercedes entstieg.

Miolan Conroy hat sich all die Ausführungen aufmerksam angehört. Nach dieser Sitzung würde er ein langes Gespräch mit der Kanzlerin und dem EU-Ratspräsidenten führen. Der amerikanische Präsident war längst auf dem Weg, sich in diese Unterredung einzuklinken. Seine Sondermaschine, eines der wenigen Flugzeuge, das noch starten und landen konnte, wurde seit Stunden erwartet.

Miolan Conroy hatte während all der Reden zurück gedacht an den langen Weg, den er die letzten Jahrzehnte gegangen war. Jetzt würde er den Mächtigen der Welt erklären müssen, dass er allein schuldig war: Schuldig am Infarkt einer von ihm und all den Gierigen entwickelten, medial manipulierenden und vernetzten Macht, die der Mensch nicht mehr zu kontrol-lieren verstand und die für alle Zeiten kollabieren musste.

Teil 1

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Damals – vor der Jahrtausendwende

Jumbo“ – diesen Spitznamen erhielt die Boeing 747 bereits vor über einem Jahrzehnt. Grund dafür waren die gewaltigen Ausmaße: Zwei Etagen, fast 71 Meter lang, über 64 Meter Spannweite, Platz für 352 Passagiere. 300 Fluggästen hatten den Flug LH 245 gebucht. In der First Class gab es lediglich sechzehn Plätze und damit war der Zufallsfaktor, der Miolan Conroy und Ricardo Scevallo auf zwei bequemen Sitzen nebeneinander platzierte, ein Paradigma von höherer, mathematischer Wahrscheinlichkeit als das bei den 270 Plätzen der Economy Class der Fall gewesen wäre. Mehr Zufall war es da schon, dass die Söhne zweier berühmter, erfolgreicher und der Globalisierung nahestehender Unter-nehmerpersönlichkeiten aus der Medienbranche zum selben Zeitpunkt von New York nach Frankfurt flogen, darüber hinaus gleich alt waren. Ricardo Scevallo feierte an diesem 23. November seinen 29. Geburtstag im Flugzeug. Miolan Conroy, einen Tag zuvor genauso alt wie sein Sitznachbar, bemerkte, dass er sich für dieses Alter doch gut gehalten habe. Das und Ricardos Bestellung zweier Gläser Champagner war der Beginn ihres Dialoges, der sie dorthin führte, wo das Schicksal auf der Lauer lag. Zunächst stellten sie die Artverwandtschaft ihrer Väter fest, die beide in der höchsten Liga ihre Genres spielten. Miolan, der Sohn von Maria und Charles Conroy. Genau d e r Charles Conroy, der Medienmogul, der aus den Staaten stammte. Inhaber und Hauptanteilseigner der CC MEDIA Holding und somit Chef des Fernsehsenders Radio Television Europe mit dem Logo RTE. Die mächtige CC AG mit Beteiligungen an dem globalen Sender SKY SAT, der rund um den halben Erdball Nachrichten und Dokumentationen ausstrahlte.  Mit ProConFilm unterhielt die Holding eine eigene Produktions-gesellschaft für Werbe-, Kino- und Fernsehfilme. Besonders die Werbesparte der CC AG profitierte von dem Synergieeffekt, Jingles gegen Cash zu produzieren, um sie dann vergoldet als Werbespot im Fernsehen oder in den Kinos auszustrahlen. Eine eigene Werbeagentur holte die Aufträge an Bord und gehörte in Europa zu den führenden Adressen, spezialisiert auf große Kampagnen, Merchandising und PR Events. Den Grundstein für diesen Erfolg und unermesslichen Reichtum hatte Charles Conroy mit seinem Start Up hingelegt, als er in Hollywood das Unternehmen CHACOMO gründete. CHACOMO stand für Charles Conroy Movies und belegte Platz eins aller Filmrechtehändler. Miolan gehörte mit seinen neunundzwanzig Jahren zu den Szenepromis in Deutschland und war durch Daddys finanzielle Potenz legitimiert, als Playboy und Schwarm aller Frauen in den Gazetten des Boulevards aufzutreten. Der junge Mann sah reifer aus als er in Wirklichkeit war. Seine Ausstrahlung verkörperte das Flair von Hollywoodgrößen wie Tom Cruise oder Roger Moore in dem 1980 gedrehten Film ‚Die Seewölfe kommen’. Der Seewolf der Yellow Press. Dieser Miolan verstand es, sich medial perfekt auf dem Parkett der nach Dekadenz lechzenden Öffentlichkeit zu bewegen. Viele beneideten ihn, nahmen ihm dennoch kaum etwas übel und glaubten zu wissen, er sei von Berufs wegen mehr Sohn als fleißiger Student. Studienerfolge und seine Zielstrebigkeit blieben dabei der Öffentlichkeit verborgen. Imageschädlich! Er, den sie alle Lanny nannten, besaß eben zwei Seiten: Lifestyle-Idol seiner Zeit und vertrauenswürdiger Spross eines Patriarchats, der sich durchaus für die Geschäfte seines Vaters interessierte und zeitweise auch engagierte, wenngleich diese Facette seines Lebens  weniger Aufmerksamkeit genoss als die unzähligen Partys und jene Damen, die ihm Weibchenschmus und mehr feil boten. Sie bezeichnete er als Erdenfreudchen. Die willige, weibliche Spezies erlebte einen teils flachsigen, oft übermütigen jungen Mann, der sich nur allzu gerne ausgelassen befreuden ließ. Wenige Menschen kannten hingegen die andere Seite des Miolan Conroy: mutig, analytisch wissbegierig, pragmatisch, sensibel, empathisch, nachdenklich. Ein Mensch, der es frühzeitig verstand zu integrieren, ein romantisch verspielter Gewinnertyp, selbstbewusst und ohne Angst vor dem Leben. Durch seinen Vater, der mutmaßlich zu den Multimilliardären des Landes zählte und der alles in Glanz und Gold verwandelte, was er anpackte, hatte Lanny nicht nur Erziehung und die beste Ausbildung genossen, sondern auch ein Leitbild und einen Freund. Charles und seine Frau Maria vergötterten ihren einzigen Sprössling und er liebte seine Eltern. Sein Ruf als Playboy störte Miolans Erzeuger am allerwenigsten. Sie kannten ihren Sohn, ließen es zu, dass er sich austobte. Vertrauen in den eigenen Spross, der nicht abzuheben drohte, aber auch alle Freiheiten, sich auszutoben. Eben Yellow Press Anpassung – gut für die Eigenwerbung der Senderfamilie! Dunkelblonde Haare mit einem Schimmer honigfarbener Brauntönung, sportlich, athletische Seewolffigur, stechende, graugrüne Augen, tiefliegend in schmalen Höhlen und damit schwerer durchschaubar. Gebräunte Haut der Marke Ski-Alpin-Typ – so bezeichneten ihn die Gazetten dieser vergilbten Presse. Sinnlich, sensible Mundpartie mit makel-losen Lippen – wohl nach dem Vorbild römischer Gladiatoren geformt zu willensstarker Mimik, untermalt mit einem energischen Kinn, Rollkragentyp, markanter Gesichtsausdruck – so beschrieben ihn die Mädels, die ihm nahe genug kamen, um seine Aura charakterisieren zu können, während sie sich seinen kräftigen, muskulösen Armen hingaben. Der junge Mann neben ihm, Sergio Scevallo, wirkte gegen Miolan wie ein Chamäleon: wandelbar, schwer einzuordnen. Trotz gewölbtem, in die Breite gezogenem Kinn wechselte der eher biedere Gesichtsausdruck mitunter zu einer nach Business mutierenden Langeweilemimik mit der Ausstrahlung eines Versicherungsvertreters. Oder Oberstudienrat? Ein Anzugtyp der Marke ‚Ordentlich’ aber ‚Standard’. Einerseits mehr streberhaft, andererseits ein Spionagegesicht, dessen teddyhaften Braunbäraugen immer auf der Lauer zu liegen schienen. In Sachen Reichtum gehörte sein Vater, Sergio Scevallo, in Italien zu den oberen Zehntausend, war wie Charles Conroy ein erfolgreicher Macher und Unternehmer, dem mehrere Firmen gehörten, unter anderem fünf private Fernsehsender. Die konnten sich auf dem Markt nicht nur behaupten, sondern erhoben Anspruch darauf, die italienische TV Landschaft zu dominieren und damit die Fernsehgemeinde der Tifosi zu manipulieren. Politisch engagiert und gewinnorientiert – ein reicher Padre Padrone mit eigenen Gesetzen. Seine Senderfamilie strahlte in ganz Italien ein einheitliches Programm aus. Es galt zwar ein Gesetz, welches dieses untersagte, doch Scevallo Senior wich dem Gesetz geschickt aus, indem er auf zahlreichen Regionalsendern desselben Namens zeitgleich Videokassetten abspielte und somit ein einheitliches Programm bot. Nach einiger Zeit wurde seine Methode verboten, aber die italienische Bevölkerung hatte sich so an vor allem amerikanische Sendungen gewöhnt, dass das Gesetz gekippt wurde. Neben den öffentlich-rechtlichen Betreibern der „RAI“ sowie „La Sette“ waren Scevallos Sender die einzigen, die republikweit per Antenne empfangen werden konnten und damit wurde er in ganz Italien ein berühmter Mann, ein Umstand, der seiner politischen Karriere nicht schaden sollte und dazu führte, dass er in diesem Jahr die Partei Forza Italia gegründet hatte. Das Verhältnis zu seinem Sohn Ricardo und dessen Bruder Giacomo stabilisierte sich erst, als die beiden Söhne außer-gewöhnliche Leistungen während ihrer Studienzeit erbrachten. Giacomo studierte Politikwissenschaften und eiferte damit mehr den impulsiven, cholerischen Leidenschaften des ‚padres’ nach als Ricardo, sein zehn Jahre jüngerer Bruder, dem nüchternen, analytischen Informatikstudenten. Der zeigte im Gegensatz zu seinem Bruder auch keinerlei Ambitionen,  seinen Vater in der neu gegründeten Partei zu unterstützen. Miolan und Ricardo fanden auf dem Lufthansaflug LH245 schnell heraus, dass sie Fohlen aus zwei elitären Gestüten und damit artverwandt von edelstem Geblüt waren. Beide hatten ihren Studienabschluss erfolgreich absolviert und ihrer Herkunft entsprechend fanden sie genügend Stoff, um sich die Zeit in dem Jumbo verbal zu vertreiben. Nach vorsichtigem Abtasten und Austausch der Familiengeschichten entstand schnell eine beiderseitige Sympathie.

„Möchten Sie noch etwas?“

Lanny blickte in die smaragdschimmernden Augen einer engelsblonden Stewardess. „Ja, ich hätte auch gerne zwei dieser glitzernden Edelsteine.“

„Bitte? Ich verstehe nicht, Sir.“

„Ihre Augen, Miss. Smaragde oder – grüne Diamanten?“

Die Stewardess war es gewohnt, Komplimente entgegenzunehmen. Dieses fand sie zwar nett, aber ihre nächste Frage stellte klar, dass sie wohl wenig beeindruckt war. „Was darf ich Ihnen bringen?“

„Einen Kaffee“, antwortete Lanny resigniert.

„Mir einen Cappuccino“, schloss sich Ricardo an.

Lanny sah ihr schmachtend nach. Ricardo beugte sich vor und flüsterte in Miolans Ohr: „No amore, amico!“

„Porca miseria“, versuchte sich Lanny im Italienischen. „Auf dem langen Flug könnte man etwas mehr Zuwendung erwarten.“

„Soll ich es mal mit meinem mailändischen Charme versuchen?“

Lanny lächelte verschmitzt. „No, no, Signor  Ricardo. Mein texanisches Blut ist heißblütiger.“

Der Italiener grinste. „Klar doch. Miolan Conroy nennt nur seinen Namen und die Stewardessen werfen den Getränkewagen über Bord oder schmeißen ihr Silikon aus dem BH.“

„Apropos Getränke. Weißt Du, warum der Kapitän im Flugzeug vorne sitzt?“

Ricardo schüttelte den Kopf. „Null Ahnung – weil dort der Lenker und der Rückspiegel wohnen?“

„Ist doch kein Fahrrad. Nein. Wenn das Flugzeug abstürzt und in die Senkrechte geht, kommt der Getränkewagen bei dem Piloten noch mal vorbei.“

Ricardo lachte gequält, aber pflichtbewusst und eine ehrwür-dige Grand Lady hinter ihnen grinste verhalten mit.

„Witzbold“, bemerkte der junge Scevallo.

Die Stewardess kehrte zurück und servierte die heißen Getränke. Sie hörte ein artiges „Danke“ von den beiden und lächelte heimlich, bevor sie sich den anderen Fluggästen zuwandte.

„Dein Alter gehört doch einem Clan von texanischen Ölmagnaten an. Wieso ist er da nicht dabei geblieben?“, wollte Ricardo Scevallo wissen.

„Bist gut informiert“, stellte Lanny fest. „Ja, er stammt aus einer reichen Öldynastie, alles milliardenschwere Ölfuzzis. Er selbst interessierte sich aber nicht für das Ölgeschäft. Ging sehr früh nach L.A. Kam in Hollywood groß raus. Gründete seine Firma ‚CHACOMO’.“

„Also vom Öl- zum Filmfuzzi“, folgerte Ricardo.

„Werd nicht frech, Tifosi.“

Ricardo hob abwehrend die Hand. „Mein Alter gehört auch zu den Filmfuzzis.“ Das sollte wohl entschuldigend klingen. „CHACOMO - klingt italienisch. Kein Wunder, dass er damit Erfolg hatte.“

„Nur kein Neid, Kollege.“

„Pah, warum sollte ich neidisch sein? Ihr habt zwei Sender, wir haben fünf.“

Lanny gab sich geschlagen. „Okay, Italien führt fünf zu zwei.“

„Ja, wäre auch ein gutes Ergebnis bei der Fußballwelt-meisterschaft im Finale gegen Deutschland.“

Eine junge Dame mit schlanken, hochgewachsenen Beinen, die aus schwarzen Lederstiefeln die Blicke der Männer verdrehten, stackste wie auf dem Laufsteg vorbei. Lannys geschulte Nase erschnupperte den Duft eines floralen Bouquets, ein Parfum, das er Yves Saint Laurent zuordnete. Ricardo wartete ab, bis Lanny sich an ihren Kniekehlen sattgesehen hatte und wollte dann wissen, wieso es Lannys Vater nach Old Germany verschlagen hatte.

„Weil er mit CHACOMO in Europa leichter expandieren konnte. Von Deutschland aus zog er den größten Filmrechtehandel der Welt auf. Marktführer in diesem Segment“ Lannys Worte klangen stolz. „Meine Mutter und sein Faible für München und das Oktoberfest hielten ihn fest. Ihr zuliebe ...“

„Und dem Bier zuliebe“, ergänzte Ricardo.

„Von mir aus, auch dem Bavarian beer zuliebe. Jedenfalls  verlagerte er den Hauptsitz seiner Firma nach Deutschland. Somit bin ich ein gebürtiger waschechter texanischer Münchner wie meine Mutter. Die nur ohne texanisch. Und Dad bestand zum Ausgleich darauf, mir einen Namen zu geben, der ihn an seinen eigenen Geburtsort erinnern sollte.“

„Wo ist dein Dad geboren?“

„In Mioning, Texas. Er nannte seine Heimat immer Mioning Land. Daraus entstand Miolan. Das ist die Zusammen-setzung aus ‚Mioning’ und ‚Land’. Die Endsilbe ‚lan“ von Miolan führte dann wohl zu ‚Lanny’. So nannte mich meine Mutter. Praktisch die oberbayrische Version für Miolan.“

„Tatsächlich?“ Ricardo zog die buschigen Augenbrauen hoch, die an den deutschen Finanzminister erinnerten. „Hört sich wirklich typisch bayrisch an: Lanny! Doch, doch, sehr bayrisch. Italiener haben von Natur aus musikalische Namen, klingen oft wie eine kleine Melodie. Das macht uns bei den Mädchen interessant.“

„Eh klar“, konterte Lanny. „Euch machen die Namen interessant, uns die muskelgestählten Körper und unser edles, texanisches Blut.“ Lanny klopfte selbstbewusst auf seinen Seewolf Bizeps, den er rasch anspannte. „Glaub mir, das hier ist echt harte Arbeit.“

„Arbeit? Ich glaube, nach all dem, was man über dich in der Presse liest, weist du kaum, was Arbeit bedeutet. Okay, dafür arbeitet dein Dad wahrscheinlich Tag und Nacht. RTE ist ja sogar in Italien bekannt und mein Papa leiht sich Filme von deinem aus. Ich bin also dein Kunde, denk daran, wenn du vorhast, noch eine Runde zu bestellen.“

Lanny ließ es sich nicht zweimal sagen und orderte eine Runde Champagner, sofern man zwei Gläser als Runde bezeichnen kann, denn die Smaragdstewardess lehnte es nachdrücklich ab, sich mit einem dritten Glas zu beteiligen. Deshalb wandte sich Lanny mit seinem charmantesten Seewolflächeln an die Stiefelfrau, die hinter der Stewardess darauf wartete, an ihren Platz zurückkehren zu können. „Darf ich Sie zu einem Glas Champus einladen?“ Vielleicht hätte er bei diesen Worten lieber ihr Gesicht anstelle der Beine unterhalb des Minis anstarren sollen. „Danke für die Einladung zum Drink, aber ich nehm’ lieber das Geld“, scherzte sie und genoss Lannys Zitronemimik.

Die schlagfertige Dame mit den aufreizenden Stiefeln und dem teuer duftenden Parfum ahnte nicht, welchen Grund sie und die anderen Passagiere bald haben sollten, diesem jungen Spund, den sie für einen Schnösel hielt, für immer dankbar zu sein.

Die Beine stolzierten schließlich unbeschadet vorbei und der Mann, der vor Miolan Conroy saß, rappelte sich aus seinem Sitz hoch. Etwas umständlich verließ er seinen Platz. Lanny sah ihn unbewusst an, als er an ihm vorbei musste. Warum auch immer – irgend etwas prägte sich in Lannys Unterbewusstsein ein. Der Mann wollte nach hinten zur Toilette. Als er zurück kam, streifte sein Jackett Lannys Oberarm, der auf der Sitzlehne ruhte. Lanny hatte seinen Oberkörper zur Gangseite verlagert, um der Smaragdstewardess mit dem bestelltem Champagner entgegenzusehen.

Der Mann drehte sich nach rechts, wollte seinen Platz wieder einnehmen. Lanny sah das Jackett und registrierte den Schatten einer Kontur. Das war es, was in seinem Unter-bewusstsein für wenige Augenblicke schlummerte. Das Jackett war glatt, als der Mann seinen Weg zur Toilette antrat. Jetzt hob sich die Kontur jenes stählernen Gegenstandes ab, den Lanny für den Hauch einer Sekunde gespürt hatte. Und es war das Jackett, das nicht mehr geradlinig an dem drahtigen Körper herab glitt, sondern eine Beule abbildete, die das Kleidungsstück asymmetrisch verformte. Die Schlussfolgerung, dass es sich um eine Handgranate handeln könnte, erschien Lanny keine Sekunde lang abstrakt. Die Riffelung war unter dem dünnen Stoff nicht deutlich erkennbar, dennoch konnte Lanny sie wahrnehmen.

 

Für einige Sekunden strangulierte ein mulmiges Gefühl die Kehle des jungen Conroy. Sein Magen schien zu rebellieren und eine fahle Blässe entfärbte das braune Seewolfgesicht. Saß vor ihm ein Terrorist, ein Mann, der jeden Augenblick aktiv werden konnte – ein potentieller Flugzeugentführer? Und wenn, war es einer? Wirklich nur einer?

 

 

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